Catherine

Catherine

Januar 1340

Ich versteckte mein Selbst lange Zeit hinter einer Maske.  Nur meine  Augen wirkten verspielt und lebendig, die restliche Gesichtsmimik war erstarrt und ausdruckslos. Ich verspürte lange Zeit den Wunsch, dass sich die Welt nur um mich drehen sollte. Ich wollte bedingungslose Anerkennung und ungeteilte Liebe.  Andere Menschen zu lieben war mir fremd. Ich empfand keinerlei Mitleid oder Mitgefühl meinen Mitmenschen gegenüber. Zu meinen Artgenossinnen hatte ich ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits brauchte ich sie. Sie boten mir Schutz. Ja, Schutz vor der dominanten Welt des Geldes und der unbändigen Gier der Männer nach Sex. Andererseits widerte mich das Balzgehabe meiner Artgenossinnen an. Es gab fast keine Gespräche zwischen meinen Freundinnen und mir, in denen Männer keine Rolle spielten. Ihre Bewegungen, ihr Styling, jeder Fleck ihres Make-ups, in ihren Gesichtern, diente alleinig dem Zweck, den einen Mann in die weibliche Falle zu locken, um ihn dort für ewig zu konservieren. Meine Freundinnen hatten ein wahres Gruselkabinett an konservierten Männerleichen in ihren Archiven deponiert.

< Ach, ja und Ron, der war ein wahrer Held. Oh, ja und mein David damals, wisst ihr noch, der war eine Kanone im Bett, der hatte einen Schwanz, so groß, dass ich beim Vögeln angst bekam er könnte mich aufspießen, wie ein Sparferkel >. 

Ich hasste diese Art von Gesprächen. Ich wollte über das Leben mit ihnen reden. Mich bewegten Dinge, wie Angst vor dem Tod, die Angst vor schweren Krankheiten, dass Alter. Meine Artgenossinnen wollten nichts davon  wissen, sie waren mit der Männerwelt beschäftigt, die sie vereinnahmte und ihre Sicht auf das wahre Leben, so wie ich es verstand, vernebelte. Die Männer, wie ich oft genug erfahren musste, ließen sich nicht  einfach jagen und erlegen, sie bissen zurück und zeigten ihre Krallen. Allzu oft kam es vor, dass sich die Beute aus den weiblichen Fängen befreite. Dann erwachten meine Artgenossinnen aus ihrem Traumfängerschlaf und waren für kurze Zeit bereit, mit mir, über die wesentlichen Dinge des Lebens nachzudenken.

Wollte ich dieses Leben, so wie es sich mir bot annehmen? Wollte ich Lieben und meinen Schoß bereitwillig Opfern?

Februar 1876

Ich nahm eine unerklärliche Distanz zwischen mir und der Welt wahr. Es fühlte sich an, als wäre zwischen mir und der Außenwelt eine dicke, undurchdringbare Wand aus Eis. Verbunden fühlte ich mich nur mit mir selbst, mit meinen seelischen Abgründen, mit meinen Hoffnungen und Sehnsüchten. Liebe. Ja, ein wahrhaft großes Gefühl. Fühlte ich Liebe? War ich liebesfähig? 

Ich liebte es am Stand zu liegen und Romane von Kafka zu lesen, oder mir die Tragödien des Lebens im Theater anzusehen. Ich liebte es, morgens aufzuwachen, aus dem Fenster zu schauen und den Geräuschen der Straße zu lauschen, dabei schlürfend meinen Mund an eine Tasse Café zu drücken, den mild süßlichen Saft zu schmecken und die Explosion zu spüren, die das Koffein in meinem Körper auslöste. Ich liebte es auf der Toilette zu sitzen und meinen Ausscheidungsvorgängen zu lauschen. Für mich war das Meditation, mich durch meinen Körper fallen zu lassen, um am anderen Ende gereinigt herauszukommen. Dabei erlebte ich oft ein Liebes- und Glücksgefühl. Ich mochte vieles, aber ich liebte nichts an anderen. Ich versuchte meine Einsamkeit mit Männerbekanntschaften zu füllen. Wahllos. Mit dicken, mit dünnen, großen und kleinen. Welche mit grandiosen Schwänzen und welche mit viel zu kleinen, als dass sie je in der Lage gewesen wären in den Schoß eines Weibes einzudringen. Oh ja, Huren söhne waren viele dabei, Huren Söhne denen die Größe ihres Schwanzes jeden Funken Verstand raubte. Sie schlugen und würgten mich gerne. Sie hatten Spaß daran mir meine Lust aus meinem Frauenleib zu prügeln. Macht war ihre alleinige Triebfeder. Die andere Variante des männlichen Geschlechts waren die ängstlichen Versager. Sie hatten Angst vor einer intelligenten Frau wie mir. Sie waren intellektuelle Scheißer. Körperlich trauten sie sich nicht sich einer Frau zu nähern. Sie waren perfekte Fummler. Sobald sie bei einer Frau Wollust spürten, versagten bei ihnen alle Hormone. Ihr Geschlecht streikte einfach, alle Funktionen erlahmten. Ein Totalausfall war die Folge. Ich hatte die Wahl zwischen den Würgern und den Totalausfällen. 

Ende dreißig glich mein Dasein einer großen Müllhalde. Ich zog mich endgültig in meine Welt zurück, in der ich mich auskannte und die mir Schutz vor Verletzungen bot. Geliebtes Heim. Niemandem gewährte ich Einlass.

März 1231

Ich saß in meiner Küche auf einem Holzschemel. Schwarze Rollos aus Aluminium schützen mich vor der Außenwelt. Nur dumpf drangen Straßengeräusche von draußen herein. Ich verbarg mich vor der Welt. Seit drei Wochen war ich nicht mehr arbeiten gegangen und vermied jeden Kontakt zu Menschen. Ich wollte keine fremden Geister in meiner Welt. Meine Hände schützte ich mit weisen Handschuhen aus Wolle, um nichts zu berühren was unrein war. Mein Kühlschrank quoll über vor grünen, langen Gurken, die mittlerweile verrotteten. Ich saß einfach nur da, den Kopf gesengt und starrte auf den Küchenboden. Tränen tropften auf meine weis bedeckten Fingerspitzen, perlten an der Oberfläche der Handschuhe ab und bildeten eine kleine Pfütze direkt vor meinen Füßen. Woher kamen diese Tränen? Wer vergoss sie? Ich wusste es nicht, es war mir egal. 

Das läuten des Telefons unterbrach mein eintöniges Sein. Ich erschrak beim ersten Klingeln, denn ich hatte vergessen was dieses Geräusch bedeutete. Es bedeutete das die Welt an meine Tür klopfte, ja, es viel mir wieder ein, es war das Telefon. Es war das läuten des Telefons das mich rief. Es kam mir vor, als würde das Läuten ein Licht in meinem Herzen entzünden, damit ich den Weg nach draußen finden konnte. Meine Körper gab seltsame Geräusche von sich, als ich mich langsam erhob. Meine Knie knackten und mein Magen gurgelte. Ob er sich freute? Mit Erstaunen stellte ich fest, dass ich meinen Körper bewegen konnte. Ich bewegte mich fast lautlos über den Holzboden, nahm den Hörer von der Gabel und drückte ihn sanft an mein Ohr.

<Ja, hallo, hier Kathrin>, flüsterte ich in den Hörer. 

<He, Kathrin, hier ist Tom, gut dich zu hören>, entgegnete mir die Welt. 

Wer war dieser verfluchte Tom, einer von den Würgern vielleicht? 

<Ah, Tom, gut dich zu hören>, entgegnete ich vorsichtig. Langsam begann mein Geist ein Bild von Tom zu zeichnen. Ich erinnerte mich plötzlich an sein Gesicht. Ein Seufzer kam über meine Lippen, ich war erleichtert. Tom war meine beste „männliche Freundin“. Er war nicht schwul. Er war der einzige Mann der mich als menschliches Wesen achtete. Gott hat mir einen Engel in das Reich der Finsternis geschickt. Ein warmes Gefühl breitete sich in meinem Körper aus. Ich begann zu leuchten wie ein Glühwürmchen an einem Sommerabend. Meine Umgebung verwandelte sich in mein zu Hause. Ich erkannte meine Möbel, meine Bilder an der Wand, meinen Schreibtisch.

< Hallo Tom>, wiederholte ich, < schön dass du dich meldest, bitte rette meine Seele>.

< Was ist los mit dir, Kathrin>, entgegnet er, hörbar erschrocken.

< Bitte rette mich>, flehte ich den Hörer an.

< Warte einen Moment, ich bin gleich bei dir, Kathrin>, sagte der Engel und legte den Hörer auf. Ich vernahm ein leises klicken und ein monotones Summen. Der Engel war verschwunden, er hatte kein göttliches Wunder vollbracht. Die Welt um mich herum nahm wieder ihre graue Farbe an.

Ich verstecke mich

Ich nahm eine unerklärliche Distanz zwischen mir und der Welt wahr. Ich fühlte mich dabei, als wäre zwischen mir und der Welt da draußen eine dicke, undurchdringbare Wand aus Eis. Verbunden fühlte ich mich nur mit mir selbst: mit meinen seelischen Abgründen, mit meinen Hoffnungen und Sehnsüchten.

Liebe. Ja, ein wahrhaft großes Gefühl. Fühlte ich Liebe? War ich liebesfähig?

Ich liebte es, am Strand zu liegen und Romane von Kafka zu lesen oder mir die Tragödien des Lebens im Theater anzusehen. Ich liebte es, morgens aufzuwachen, aus dem Fenster zu schauen und den Geräuschen der Straße zu lauschen. Dabei schlürfte ich und drückte meinen Mund an eine Tasse Kaffee, schmeckte den mild-süßlichen Saft und spürte die Explosion, die das Koffein in meinem Körper auslöste.

Ich liebte es, auf der Toilette zu sitzen und meinen Ausscheidungsvorgängen zu lauschen. Für mich war das Meditation: mich durch meinen Körper fallen zu lassen, um am anderen Ende gereinigt herauszukommen. Dabei erlebte ich oft ein Liebes- und Glücksgefühl.

Ich mochte vieles, aber ich liebte nichts an anderen. Ich versuchte, meine Einsamkeit mit Männerbekanntschaften zu füllen. Wahllos. Mit dicken, mit dünnen, großen und kleinen. Welche mit grandiosen Schwänzen, und welche mit viel zu kleinen, als dass sie in den Schoß eines Weibes eindringen konnten.

Oh ja, Hurensöhne waren viele dabei. Hurensöhne, denen die Größe ihres Allerwertesten jeden Funken Verstand raubte. Sie schlugen und würgten mich gerne. Sie hatten Spaß daran, mir meine Lust aus meinem Frauenleib zu prügeln. Macht war ihre alleinige Triebfeder.

Die andere Variante des männlichen Geschlechts waren die ängstlichen Versager. Sie hatten Angst vor einer intelligenten Frau wie mir. Sie waren intellektuelle Scheißer. Körperlich trauten sie sich nicht, sich einer Frau zu nähern. Sie waren perfekte Fummler. Sobald sie bei einer Frau Wollust spürten, versagten bei ihnen alle Hormone. Ihr Geschlecht streikte einfach, alle Funktionen erlahmten. Ein Totalausfall war die Folge.

Ich hatte die Wahl zwischen den Würgern und den Totalausfällen.

Ende dreißig glich mein Dasein einer großen Müllhalde. Ich zog mich endgültig in meine Welt zurück, in der ich mich auskannte und die mir Schutz vor Verletzungen bot. Geliebtes Heim. Niemandem gewährte ich Einlass.

Catherine 2016

Es läutet an der Tür. 14:25 Uhr. Charles ist pünktlich.

Er ist einer von den Versagern. Charles möchte mich gerne flachlegen. Sein Schwanz versagt immer wieder. Er ist ein  Zungenspieler. Wäre sein Schwanz seine Zunge, würde er steif auf feuchte Lust treffen. Seine Zunge ist sein primäres Geschlechtsorgan. Manchmal fordere ich ihn auf, mich mit seiner Zunge zu befriedigen. Sein Schwanz ist mir dabei egal. Seine Zunge verrät seine wahre Leidenschaft. Sie kreist auf meinem Körper, befleckt ihn mit meinen Hormonen und verwandelt mein Sein in nichts. Ich erlebe das Zen der Zunge. Mini-Satori.

Wie so viele seiner Artgenossen kann er nur bedingt mit meiner weiblichen Lust etwas anfangen. Sein Schwanz knickt in meiner Vagina ab wie ein Ast im Sturm. Die Last des Windes ist sein Ende.

Warum treffe ich mich überhaupt mit ihm?

Charles ist speziell. Er ist ein wohlriechender, schöner Mann. Groß. Mächtige Schultern. Ein mächtiges Kinn. Dunkle Augen, wie die einer Katze. Sein Geist ist verworren und klar zugleich. Seine Art, sich mit Menschen zu unterhalten. Wie an einem Magneten kleben plötzlich die Menschen an seiner Zunge und bestätigen ohne zu zögern seine Sicht auf die Dinge. Ob er von grünen Gummiflossen erzählt oder von den menschlichen Abgründen, ist seinen Jüngern im Moment der Güte nicht mehr wichtig. Sie lauschen einfach seinen Worten.

Charles fragte mich, ob ich ihn heute zu einem Geschäftsessen begleiten kann. Er muss ein Projekt vorstellen. Um den Schein der Normalität zu wahren, benötigt er eine weibliche Begleiterin. Ich weiß, dass er Beziehungen hasst. Eigentlich hasst er auch Frauen.