Daichi
Da, da – ein kleiner Finger, so klein wie ein heruntergeschriebener Bleistift, zeigt in Richtung Himmel, geradewegs auf einen Vogel, der sich im Flug befindet. Seine schwarzen Federn glänzen im Sonnenlicht. Ein Sommermorgen im August, herrlich frisch und sanft. Das angenehme, weiche Sonnenlicht malt Gesichter und Gestalten auf die sich leicht kräuselnde Oberfläche des Sees. Draußen auf dem See sind kleine Fischerboote zu erkennen.
Frau Taro zündet Räucherstäbchen zu Ehren Buddhas an, um ihn milde zu stimmen, und bittet um einen segensreichen Fang.
„Unser göttliches Meer, beschenke uns durch deine Zuversicht und Weisheit, indem du das allgegenwärtige Rad des Lebens nie anhältst“, murmelt Mrs. Taro und verbeugt sich dabei sechsmal vor dem kleinen Schrein.
In ihrem weiß gepuderten Gesicht zeigen sich kleine mimische Falten, ihr Aussehen ähnelt einer steifen Puppe. Nur ihr farbiger Kimono verrät etwas von ihrer Lebendigkeit. Auf ihren Sandalen aus gebundenem Stroh wieselt sie eilig und geschickt durch die engen Winkel ihres Hauses.
„Daichi!“, ruft Frau Taro. „Wo bist du?“
„Da, da“, erwidert Daichi.
„Ach, da bist du, mein kleiner Daichi, kleiner Fluss der Tränen. Auf was zeigst du da?“, erwidert Frau Taro auf die Begrüßung ihres Sohnes.
„Da, da“, lächelt Daichi und zeigt immer noch in Richtung Himmel.
„Du zeigst auf den kleinen schwarzen Vogel“, sagt Frau Taro lächelnd und liebkost mit feinen Kreisen Daichis Schläfe. „Komm jetzt rein, du bist ganz schmutzig.“
Daichi hatte seine weißen Überhandschuhe ausgezogen und mit seinen kleinen Fingern im Schlamm gespielt.
„Du weißt genau, dass ich keine schmutzigen Hände mag, Sohn des Fischers Yutaka“, tadelt sie ihren kleinen Sohn. „Daichi, sei brav und komm jetzt mit.“
Frau Taro fasst ihren Sohn mit Daumen und Zeigefinger am Ärmel seines weißen Überhemdes und zieht ihn behutsam hinter sich her.
„Daichi will aber weiter matschen.“
„Nein“, flüstert Kazuko Taro. „Nein. Schmutz ist böse.“
So wie das Böse in den Augen der Oni, der teufelähnlichen Wesen mit wildem Haar und zwei Hörnern auf der Stirn.
„Du weißt, Daichi: Oni jagen nach den Seelen derjenigen, die in ihrem Leben Böses getan haben. Und Menschen mit schmutzigen Händen sind böse. Komm also mit ins Haus und wasch deine Hände. Und vergiss nie, sie vor Schmutz zu schützen. Trage immer deine Handschuhe.“
Daichi gehorchte seiner Mutter und folgte ihr mit kleinen, flinken Schritten ins Haus.
„Jetzt muss sich mein kleiner Daichi gründlich die Hände waschen“, befahl ihm Frau Kazuko Taro.
Sie zeigte auf eine steinerne Schale, die mit heißem, dampfendem Wasser gefüllt war. Links daneben lagen wohlriechende Kräuter aus Engelwurz und Zinnkraut, und eine Schale, die nach Osten ausgerichtet war, war mit Reiskleie gefüllt.
Daichi wusste, dass er mit dem Wasser nicht planschen durfte. Er musste sich mit der Reiskleie zehnmal über jede Hand streichen und dann fünf Minuten lang seine Hände in die Schale mit heißem Wasser tauchen. Mit den Kräuterbündeln musste er anschließend seine Hände grünlich einreiben, bis seine Handflächen rot waren wie die untergehende Sonne.
Daichi wusste nicht, dass seine Mutter in das heiße Wasser immer einige Tropfen Abflussreiniger träufelte. Seine Hände sollten nicht nur sauber, sondern befreit sein von jeglichem Bösen, das Daichi nie heimsuchen durfte – ihren einzigen geliebten Sohn.
„Lass uns essen, Daichi“, flüstert Frau Taro ihm ins Ohr. „Du bist gereinigt und befreit. Kein Oni wird dir jetzt noch Leid zufügen können.“
Auf dem Meer
Die Gesichter, die der Ozean auf seine Oberfläche malt, sind nie gleich. Sie ähneln sich keine Sekunde. Jetzt ist schon wieder vorüber, danach kommt das ewige Jetzt.
Yutaka Taro, der Fischer, sitzt auf seinem Boot und lässt seinen Blick über die Meeresoberfläche gleiten, seine Augen zu kleinen, schmalen Öffnungen geformt, um jene zu erblicken, die schon lange vergangen sind. Sie rufen Yutaka, den Fischer. Er kann ihre Gesichter deutlich erkennen – sie entspringen dem Meer.
Der immer gleiche Rhythmus des Meeres bewegt sein kleines Fischerboot, wiegt es im Schoß der Natur. Ein Ruck durchfährt seinen Körper, sein Atem stockt und seine Hände verformen sich zu steifen Krallen. Ein schrecklicher Schrei bricht aus seinem Mund. Seine Augäpfel wölben sich nach innen.
„Taro, Taro“, heulte die Stimme seines Ahnen Takeru verzweifelt über das Meer.
„Taro, komm zu mir. Nur ich kann dich retten aus den Tiefen des Seins. Komm zu mir in das Gewölbe des Ewigen.“
„Nein, ich will nicht!“, schreit Taro in die Weite hinaus. „Wie oft, wie oft willst du mich noch heimsuchen und mich belauschen?“
Inmitten einer tiefen Verbeugung flüstert er:
„Mein Ahne, mein uralter Vetter Takeru, Mann des Krieges. Du bist tot, glaube mir: Deine Wirklichkeit ist Schein. Ich bin der, der lebt – der Fischer Taro. Schau auf mein Haus und auf meine Familie, und du wirst nichts erkennen, das dir vertraut ist. Dein Leben ist schon lange zu Ende. Ich weiß, dein Ende war schrecklich: deine Zunge ein lebloses Stück, deine Hände nicht mehr dein eigen. Schau auf das unvermeidliche Bild der Vergangenheit, denn die Gegenwart ist nicht dein. Sie ist mein.“
Taro, der Fischer, erhob seine Hände zum Gebet.
„Oh Buddha, lass geschehen die Rückkehr des Mannes aus Stein, damit sich sein Schicksal in diesem Leben erfüllen möge.“
Erst danach entspannt sich sein Körper. Er fällt vornüber und schmeckt das Salz des Meeres. Er wirft mit einer gekonnten Bewegung seine Netze aus und beginnt, mit seinem Boot immer größere Kreise zu ziehen. Er steht nun an der Spitze seines kleinen Fischerbootes, spürt seine Füße auf den feinen Bootsplanken und atmet in tiefen Zügen. Bei jedem Atemzug bewegt er seine rechte Hand kreisförmig nach oben und senkt sie beim Ausatmen mit einer Geste der Demut.
„Okodamajoko“, sagt die Gestalt. Sie trägt einen gelben Regenumhang aus hellem, glänzendem Gummi. Dabei schaukelt ihr Oberkörper in leichten Bewegungen. Sie steht einfach nur da, ihre Finger formen kleine Kreise in die Luft. Dabei öffnet sie ihre Hände und versucht, die sie umgebende Luft einzufangen.
„Ich fange euch. Ich werde die bewegenden Körper befreien. Gebt mir den Frieden zurück. Ihr schuldet mir eine Menge Gras und Luft.“
Der Traum
Nach diesen Worten dreht sie sich plötzlich um, geht durch die verblüffte Zuschauermenge und läuft in Richtung Norden davon.
Wo war ich, und wo bin ich? Wer bin ich? Bin ich noch am Leben? Immer dieselben Gedanken und Gefühle quälen mich während des Erwachens. Erwachen – warum nur aus den tiefen, endlosen Quellen des Daseins, diese qualvolle Gewissheit. Wann werde ich sterben und warum? Ich hänge doch am Leben! Ich liebe doch all die Blumen, die Gerüche des Winters und der Welt. Auch ich bin Teil des endlosen Kreises des Erwachens und Vergehens.
Schade: Ich möchte so gerne an der Unsterblichkeit festhalten, doch der Tod ist mir schmerzlich bewusst – in allem, was mich umgibt.
Ich erwache aus diesem Traum, liege in meinem Bett und fantasiere mich als Grabredner, der bei der Beerdigung seines Vaters steht und Worte für den fremden Toten finden muss.
„Er war ein Mann. Ein guter Mann.“
Nein, war er nicht. Er war, als ich Kind war, ein Scheusal, der sich einen Dreck um seine Kinder kümmerte und jeden Abend besoffen nach Hause kam. Dann war er streitsüchtig und drohte uns umzubringen. Warum also eine beschönigende Rede halten? Die Moral der Totenpredigt hält uns gefangen im Glauben, zum Schluss nur das Gute im Menschen sehen zu müssen. Manchmal bin ich froh, dass all die Scheusale sterben mussten – oder noch müssen.
Nach der Trauerzeremonie werde ich allein den Scheiterhaufen anzünden und anschließend die Asche der Mutter und dem Vater zurückgeben, der ihn erschuf.
Ein kleines rotes Licht beginnt in meinem Kopf zu leuchten. Zeit, zurückzukehren zum ewigen Jetzt. Mein Gedanken-Stopp-Schild funktioniert also noch.
Raus aus dem Bett, erst mal Kaffee – besser gesagt: etwas Süßes aus meiner Espressomaschine, meine Geliebte am Morgen und am Mittag. Nie war jemand treuer und verlässlicher.
Diese Gestalt im gelben Regenmantel taucht fast jede Nacht in meinen Träumen auf, mit den gleichen Gesten und Bewegungen. Ihr Gesicht sehe ich nie; es ist verhüllt, ein undurchdringlicher Nebel hüllt es ein. Nebel so weiß und süß wie Zuckerwatte.
Ich laufe durch den Flur, meine Tasse Süßes in der Hand, und schlage meinen Terminkalender für den heutigen Tag auf. Mein erster Patient ist Herr Daichi Taro. Unser letzter Termin nach mehr als vier Jahren Psychotherapie.
Er kommt
Herr Taro, Sohn des Fischers, ist ein untersetzter Mann mit einem kleinen Bart auf der Oberlippe, der seinem Aussehen etwas Diktatorisches verleiht. Als wir uns das erste Mal begegneten, trug er einen dunklen Anzug mit weißem Hemd. Seine Begrüßung war förmlich korrekt, entbehrte aber jeglicher emotionaler Beteiligung. Er hätte damals genauso gut einem Mülleimer die Hand reichen können.
Herr Taro kam vor drei Jahren in meine Praxis. Er war mein erster Patient. Der Erstkontakt verlief über das Internet. Er schrieb mir eine kühle und wortkarge Mail und wollte gleich einen Termin. Ohne zu zögern entschied er sich, bei mir eine Psychotherapie zu beginnen.
Mir fiel sein Lächeln auf. Er lächelte während der ersten zehn Sitzungen ununterbrochen, als hätte ihm jemand die Wangen geliftet und vergessen, die Klammern zu entfernen. Seine Hände verbarg er immer sorgfältig zwischen sich und der Lehne des Sessels. Ihm war immer kalt, selbst im Hochsommer.
Herr Taro sagte, dass er einen Therapeuten aufsuche, weil er Angst habe, er könne sich von seiner Frau trennen. Er habe Angst, dass dies wirklich passieren könne; er wolle dies aber nicht. Er fürchte sich vor diesem Gedanken, der ihn immer wieder heimsuche – mehrmals am Tag. Er könne dann abends seiner Frau nicht in die Augen schauen, da er vermute, dass sie dies wisse.
Seit einiger Zeit schliefen sie getrennt. Sex hätten sie praktisch keinen mehr. Er würde dann eben mehrmals am Tag onanieren; an seine Frau denke er dabei nicht. Er denke dabei eigentlich überhaupt nicht.
Er möchte, dass ich ihn von seinen Gedanken befreie und ihm seine Angst nehme.
Er ist japanischer Herkunft, er lebt seit 15 Jahren in New York. Er arbeitet als Entwickler und IT-Trainer für Visual Basic, Visual Basic for Applications (VBA), VBScript und Active Server Pages. Davor hatte er mit seinem Schwager ein Reisebüro betrieben, das nach vier Jahren pleiteging.
Meine Gefühle Mr. Long gegenüber waren nicht immer einfach. Zu Beginn der Therapie verspürte ich oft Ärger, da Mr. Long nicht bereit war, sich seine Anteile in Beziehungen anzusehen. Er jammerte stundenlang und verlangte von mir, ihn von seinen Fantasien zu befreien. Er versuchte, mich unter Druck zu setzen, und stellte mir ein Ultimatum nach dem anderen. Seine Drohungen, einen anderen Therapeuten aufzusuchen, machte er aber nie wahr.
Die entscheidende Wende kam in der 25. Sitzung, in der ich bemerkte, dass Herr Long seine Hände wieder vor mir versteckte. Er kam gewohnt pünktlich zur Stunde; seine Hände verbarg er in weißen Lederhandschuhen. Ich sprach ihn darauf an und forderte ihn auf, mir seine Hände zu zeigen. Herr Long reagierte daraufhin mit Bestürzung. Wie könne ich dies von ihm verlangen?
Ich erwiderte, dass ich vermute, dass er etwas vor mir zu verbergen versuche und deshalb unsere Therapie seit einigen Stunden ins Stocken geraten sei. Ich konfrontierte ihn damit, dass ich so mit ihm nicht weiterarbeiten könne. Die Bedingung für eine gelingende Therapie sei Offenheit und Vertrauen zwischen Therapeut und Patient. Wenn ich ihm helfen könne, dann nur, wenn diese Bedingung von beiden Seiten eingehalten werde.
Auf die Frage, ob er jemals einem Menschen vertrauen konnte, verharrte Herr Long in langem Schweigen. Plötzlich begann sich seine Brust schnell zu bewegen, er atmete hastig, fast so, als würde er jeden Moment hyperventilieren. Er riss seine Hände unter seinem Körper hervor, sprang auf, schleuderte die Handschuhe mit einer schnellen Bewegung in die Ecke und hielt mir seine Hände unter die Nase – gerade so, als sei ich ein räudiger Straßenköter.
Er schrie mich an, ich sei auch nicht besser als die anderen Menschen, denen er versucht habe zu vertrauen. Ich würde ihn wahrscheinlich jetzt nicht mehr sehen wollen, alles sei vorbei.
Der Anblick seiner Hände versetzte mich für einen Moment in eine andere Welt. Ich fand mich im städtischen Schlachthaus wieder, bekleidet mit einer weißen Schürze, einem Schlachtermesser in der einen und einem Kettenhandschuh an der anderen Hand.
Ich hatte so etwas vorher noch nie gesehen. Die Farbe seiner Hände war rot. Feuerrot. Es schien, als wären seine Hände gehäutet worden. Sie sahen irgendwie roh aus, wie ein Steak.
Ich konnte mich im ersten Moment weder bewegen, noch war es mir möglich, auf die Situation angemessen einzugehen. Nach unendlich langen Minuten drehte sich Herr Long zur Tür um und wollte gehen. Ich konnte ihn gerade noch daran hindern. Ich stand auf und legte ihm meine rechte Hand auf die Schulter, mit der Bemerkung:
„Herr Long, gehen Sie bitte jetzt nicht. Ich stehe zu Ihnen.“
Daraufhin setzte er sich wieder auf seinen Sessel. Er sah mich während der nächsten 25 Minuten nicht an, blickte auf seine Hände und begann, seine Geschichte zu erzählen.
Er erzählte aus vergangenen Tagen, wie er als Jugendlicher versuchte, seine sexuellen Gefühle zu kontrollieren. Sobald er nur einen Hauch von sexuellem Verlangen verspürte, schnürte er sich in ein Korsett ein, das er auf dem elterlichen Dachboden fand. Er erzählte, wie er sich von seinem Vater alleingelassen fühlte, als sein jüngerer Bruder auf die Welt kam. Er erzählte von seinem Zwang, sich mindestens 20-mal am Tag die Hände zu waschen – nicht mit Seife, sondern mit einem Toilettenreinigungsmittel.
Er erzählte von seiner größten Angst, sich von seiner Frau zu trennen, obwohl er die Beziehung schon lange als zerrüttet sah. Er erzählte davon, dass seine Frau mittlerweile einen Liebhaber habe und dieser auch bei ihnen im Haus übernachte. Er erzählte davon, dass er dann heimlich an die Schlafzimmertür seiner Frau schlich, um sie beim Sex mit einem anderen Mann zu erleben.
Ich wusste damals nicht, wie ich die Stunde beenden sollte oder konnte. Herr Long benötigte mehr als nur die üblichen 50 Minuten, um all das zu erzählen, was er mir bis dahin verschwieg. Ich beschloss, alle Termine für diesen Tag abzusagen. In den nächsten zwei Stunden erzählte Herr Long mir alles aus seinem Leben – über seine Wünsche und Sehnsüchte.
Ich lernte ihn neu kennen und lieben.
Nach der Stunde war ich so sehr bewegt, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte und ich mich mehrmals mit der Subway verfuhr. Ich fand den Weg weder uptown noch downtown. Ich fuhr zwischen den Welten hindurch, ohne einen Ruhepunkt zu finden, glitt durch die Stadt wie ein wohnungsloser Mensch.
Ich landete dann auf dem Broadway in einem Café, wo ich den Rest des Tages damit verbrachte, einfach nur dazusitzen, mir die Menschen anzuschauen und Johnny Cash zu hören:
„… the black clouds are rolling by … we’ll meet again, I don’t know where, I don’t know when … on a sunny day …“
Ja, an einem sonnigen Tag. Welch ein beruhigender Satz. Nicht, dass ich ein großer Fan von Cash bin oder war – dieser Satz jedoch verhieß Hoffnung und Zuversicht.
Meine Gefühlslage entspannte sich. Ich bekam ein warmes, wohliges Gefühl, spürte die Sonne auf meiner Haut und dachte an Mr. Long und seine Geschichte, die Geschichte seines Lebens. Eine bewegende Erfahrung, ein Geschenk, dies erfahren zu dürfen.
Unser gemeinsames Erbe als Menschheit sind unsere Gefühle und Erfahrungen, unser Leben und unsere Wünsche und Hoffnungen. Vielleicht hatte Buddha doch recht mit dem Satz, dass das Leben ein langer Leidensweg ist. Wer weiß.
Demütig verließ ich meinen Ruheplatz und fand endlich den Weg zu meiner Wohnung. Herr Long ging dann für mehrere Wochen in eine Klinik, die auf Menschen mit Zwangshandlungen spezialisiert ist. Ambulant war eine Weiterführung der Therapie zu dem damaligen Zeitpunkt nicht sinnvoll.
Danach setzten wir unsere Therapie fort. Herr Long machte große Fortschritte. Seine Zwangshandlungen waren verschwunden, und er konnte seiner größten Angst als gestärkter Mann entgegentreten.
Er trennte sich von seiner Frau und zog in eine kleine Wohnung. Seine Gefühle bekamen Farbe, und er redete über seine Sehnsüchte und seinen Wunsch nach Nähe und Beziehung.
Eines Tages kam er in meine Praxis und gab mir wie immer die Hand. Etwas hatte sich jedoch verändert. Sein Händedruck fühlte sich nicht mehr steif und kalt an; er versprühte mit seinen Händen eine Wärme, die durch meinen ganzen Körper wanderte. Seine Hände fühlten sich plötzlich weich und sanft an.
In dieser Stunde teilte ich Herrn Long meine Wahrnehmung mit, und er bestätigte dies: Er fühle selber mehr Wärme und Sanftheit in seinen Händen. Ihm wäre auch nicht mehr kalt. Es wäre gerade so, als ob seine Hände seinen Körper wärmen würden. Auch bei seiner Arbeit merke er dies: Er könne jetzt flinker über die Tastatur seines Computers streifen, gerade so, als würde er sie liebkosen.